Was ist "Akademische Integrität"?

Mit dem Ausdruck „Akademische Integrität“ besetzt die JGU ein Thema, das im deutschsprachigen Raum bislang wenig Beachtung gefunden hat. (1) Sie verweist damit zunächst darauf, dass nicht nur das unmittelbare Handeln in Forschung und Lehre im engeren Sinn, sondern auch das Verhalten und Handeln aller Universitätsmitglieder im akademischen Kontext an den Werten und Regeln guter wissenschaftlicher Praxis zu orientieren sind. (2)

Während der Begriff der „Akademischen Integrität“ im deutschen Sprachraum also noch kaum Verwendung findet, ist das Konzept der „academic integrity“ hingegen an US-amerikanischen Universitäten bereits weit verbreitet. Er wird dort nach Bertram Gallant (3) im akademischen Kontext synonym zu Ehre („honor“) und Ehrlichkeit („honesty“) verwendet. (4) Lange Zeit standen dabei allein das Verhalten und der Charakter der Studierenden im Fokus der Beobachtung. Heute findet ein Wandel hin zur Betrachtung von angemessenen und die Integrität fördernden Lernumgebungen statt. (5)

Historisch lässt sich das Konzept der „academic integrity“ bis ins späte 18. Jahrhundert verfolgen. Es fußt – so Bertram Gallant – auf den „codes of honor“ amerikanischer Südstaaten-Universitäten und steht in engem Zusammenhang mit den zeitgenössischen Vorstellungen von Redlichkeit und Ehre, die sich auch im Begriff des „academic citizenship“ niedergeschlagen haben. (6) Stand hierbei zunächst das ehrenhafte Verhalten gegenüber den Mitstudierenden im Fokus, wandelte sich dieses Verhältnis zwischen 1860 und 1945. Fortan stand das ehrenhafte Verhalten der Studierenden gegenüber der Institution Universität im Vordergrund; es entwickelte sich eine Vorstellung von intellektueller Redlichkeit. (7) Der Ausbau der Universitäten und das Wachstum der Zahl von Studierenden und Forschenden zwischen 1945 und 1975 brachten das Konfliktfeld der „academic dishonesty“ (akademisches Fehlverhalten) in den Blick der Öffentlichkeit. (8)

Zeitgenössische Konzepte von „academic integrity“ im US-amerikanischen Raum heben explizit die Bedeutung von formalen „honor codes“ hervor. In der Praxis nehmen dabei vor allem der Eid der Studierenden, öffentliche Unterzeichnungszeremonien und studentisch geführte „honor councils“ wesentliche Rollen ein. (9)

Im „International Center for Academic Integrity“ organisieren sich seit 1992 zahlreiche Universitäten aus inzwischen über 20 Ländern. Der Verband koordiniert Maßnahmen zur Beförderung der „academic integrity“ und stellt darüber hinaus zahlreiche Arbeitsmaterialien für seine Mitglieder zur Verfügung. (10)

Ausgehend von der Erforschung akademischen Fehlverhaltens und der Wirksamkeit von honor codes und modified honor codes, (11) wurden an zahlreichen US-Universitäten bereits Programme zur Förderung Akademischer Integrität initiiert. Die Breite der vorhandenen englischsprachigen Publikationen sowie vergleichbarer Initiativen, beispielsweise in Australien, verweist auf eine aktive Gemeinschaft von Forscherinnen und Forschern sowie Lehrenden, die sich inzwischen über den universitären Bereich hinaus auch auf das US-amerikanische Schulwesen erstreckt. (12)

Während die vollständige Übertragbarkeit bestimmter kulturell spezifischer Konzepte auf das deutsche Bildungssystem bezweifelt werden kann, sind wesentliche Grundprinzipien der anglophonen Initiativen aber als durchaus wegweisend zu bezeichnen: So mögen großangelegte Vereidigungszeremonien im Rahmen der Immatrikulation bei deutschen Akademikerinnen und Akademikern eher Befremden auslösen; das Ziel einer Kultur gegenseitigen Respekts, eines fairen und redlichen Umgangs im alltäglichen Miteinander ebenso wie mit den Arbeitsergebnissen Anderer erscheint jedoch auch für den deutschsprachigen Raum als erstrebenswert. (13)

 

(1) So werden bei einer Recherche in Google-Scholar gerade einmal zwölf Treffer angezeigt, unter anderem in der Übersetzung von Maier, Barney, Price (2011): Survival Guide für Erstis. München: Pearson Studium. Im Studienbrief 4 der Gesellschaft für Bildung und Forschung in Europa e.V. von Sauer 2004 und bei Weibel 2009 – hier eine einmalige Erwähnung und zwar mit Direktbezug auf die USA.
(2) Vgl. dazu auch das Leitbild der JGU: http://www.uni-mainz.de/downloads/JGU_leitbild.pdf [25.11.2013].
(3) Bertram Gallant, Tricia (2008): Special Issue: Academic Integrity in the Twenty-First Century: A Teaching and Learning Imperative. New York, NY: Wiley (33).
(4) Ebd. S. 9.
(5) Ebd. S. 11.
(6) Ebd. S. 15.; hier kommt eine gewisse geistige Verwandtschaft zum Konzept der „republic of science“ zutage, wie sie Michael Polanyi in seinem gleichnamigen Aufsatz niederlegte. Vgl. Polanyi, Michael (2000): The Republic of Science. Ist Political and Economic Theory. In: Minerva 38, S. 1-32; ursprünglich Minerva I (1) (1962), s. 54-73..
(7) Ebd. S. 19.
(8) Ebd. S. 23.
(9) Ebd. S. 29.
(10) International Center for Academic Integrity. http://www.academicintegrity.org/ [15.11.2013]. Bedeutendster Vertreter und Initiator des neueren academic integrity movements ist Donald L. McCabe (vgl. http://www.academicintegrity.org/icai/about-3.php [15.11.2013]). Die von Gary Pavela und McCabe im Jahr 1997 formulierten und 2004 überarbeiteten und neu veröffentlichten „Ten Principles of Academic Integrity“ (McCabe, Pavela (2004): Ten (Updated) Principles of Academic Integrity. How Faculty Can Foster Student Honesty. In: Change: The Magazin of Higher Learning 36 (3), S. 10-15.) bieten nach wie vor wesentliche Anregungen für die Förderung und Sicherung redlichen Arbeitens an Hochschulen.
(11) So äußert McCabe auch mit Bezug auf vorhergehende Studien, dass diejenigen Campusse mit existierenden honor codes eine geringere Zahl studentischen Fehlverhaltens aufwiesen und wesentliche Unterschiede in Bewusstsein und Verantwortungsgefühl der Studierenden bestünden. Vgl. McCabe, Klebe Trevino, Butterfield (1999): Academic Integrity in Honor Code and Non-Honor Code Environments: A Qualitative Investigation. In: Journal of Higher Education 70 (2), S.211-234, hier S. 229ff.
(12) Als beispielhaft ist hier das „Academic Integrity Standards Project der Jahre 2010-2012“ in Australien anzuführen: http://aisp.apfei.edu.au/ [20.11.2013]. Exemplarisch für die Übertragung des Konzeptes in den schulischen Bereich ist: Wangaard, David B.; Stephens, Jason M. (2011): Creating a culture of academic integrity. A toolkit for secondary schools. Minneapolis, MN: Search Institute Press.
(13) Vgl. dazu Sattler, Sebastian (2007): Plagiate in Hausarbeiten. Erklärungsmodelle mit Hilfe der Rational-choice-Theorie, der bereits auf die Bedeutung positiver moralischer Anreize und eines entsprechenden Umfelds verweist. Vgl. zu den Vereidigungszeremonien z.B. Bertram Gallant 2008, S. 27.

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